Bonusgeschichte zum Roman „Triebsand“

Raul Ascher – Galerist „Stefan Deers“ –  Bonus Story

Spoiler-Alarm!: Sollten Sie in Betracht ziehen, den Roman „Triebsand“ zu lesen, weise ich darauf hin, dass diese Geschichte Hinweise zur Auflösung des Kriminalfalls beinhaltet.

„Stefan Deers plant akribisch eine Survivaltour.  Seine erste Tour dieser Art, ohne tiefer gehendes Wissen, jedoch voller naiver Vorfreude  … .“


Raul Ascher – „Stefan Deers“

Survival.tour

Stefan Deers saß auf der Toilettenschüssel. Er zog mit verkniffenem Gesicht an der herunter gebrannten filterlosen Zigarette und fluchte, als die Glut seine Finger versengte und heiße Asche in seinen entblößten Schoß fiel. Er erhob sich misslaunig, warf die Kippe in die Schüssel und drückte die Spülung. Er verfolgte interessiert, wie sie sich inmitten der Fäkalien behauptete, schließlich der Flut trotzte und oben auf im Restwasser der Schüssel schwamm. Sich gegen den ganzen Scheißdreck behaupten, mit dem man sich herumzuplagen hatte, nur darauf käme es an, sinnierte er, zog sich gedankenverloren seine Hosen hoch und gleich wieder herunter. Vor sich hin fluchend wischte er sich seinen Hintern und spülte ein zweites Mal. Dieses Mal hatte der Zigarettenstummel keine Chance. Donner grollte in der Ferne, als wollte dieser zu seiner schlechten Stimmung eine passende Untermalung bieten. Das Wetter war alles andere als optimal, jedoch nicht schuld an seiner miesen Laune. Seine Vorfreude war jener Vorboten, seiner in grausamer Regelmäßigkeit stattfindenden Ausbrüche gewichen. Er wusste, dass ein weiterer sich ankündigte. Zwar hatte er die Örtlichkeiten getauscht, die Furcht aber war mit ihm gezogen. Sein Herz raste, sein Magen zog sich zusammen und ein stechender Schmerz in seinen Eingeweiden ließ ihn wie ein Taschenmesser zusammenklappen. Es dauerte lange, bis der Schmerz abebbte. Unschlüssig darüber, ob er schreien oder weinen sollte, schluckte er mit bitterer Miene den schlechten Geschmack in seinem Mund herunter, trat einen Schritt zum kleinen Fenster seines Wcs und öffnete es. Wärme wich kühler Abendluft und ließ ihn frösteln. Ein Windstoß warf ihm Regen in sein grimmiges Gesicht, als er seinen Kopf aus dem Fenster streckte, um tief einzuatmen. Statt frischer Abendluft sog er beißenden Rauch ein, der in seinen Lungen brannte und in einem Hustenanfall endete. Die Luft war mit ätzendem Rauch geschwängert und hing wie dichter Nebel vor seinem Haus. Sein Blick wanderte hinüber zum Anwesen seines Nachbarn. Aus dessen Schornstein drangen dichte, graue Rauchschwaden. Obwohl dessen Haus umgeben war von Dutzenden Ster Holz und so mehr an eine Trutzburg erinnerte als an ein Wohnhaus, verbrannte sein Nachbar wieder einmal seinen verfluchten Müll. Er erspähte den Mann schräg gegenüber am Fenster zwischen einem Spalt zugezogener Gardinen. Er fluchte laut in dessen Richtung. Nach der Ankunft in seinem neuen Haus, hatte ihn der Bauer bei jeder sich bietenden Gelegenheit versucht anzusprechen und mit Fragen gelöchert. Er aber hatte sich geweigert, dem Bauern irgendwelche Auskünfte zu geben. Stattdessen klagte er ein, das unvermittelte Ansprechen am Gartenzaun in der Zukunft zu unterlassen. Dass er sich damit den Weg verbaut hatte, günstig an Kartoffeln, Wurstbrät und Brennholz heranzukommen, hatte er dabei zähneknirschend in Kauf genommen. Nicht zuletzt war das einer seiner kleinen Vorfreuden gewesen, als das Thema Landleben immer konkretere Formen annahm. Der Schatten blieb, wo er war, bewegte sich nicht. Er knallte das Fenster zu und ließ die Jalousie hinunter krachen. Ihm war kalt. Das Holz in seinem Kamin war heruntergebrannt. Er hatte vergessen nachzulegen. Nach seiner Rückkehr würde er neues Holz zusägen müssen, sein Vorrat war bis auf einen einzigen knorrigen Kieferscheit zusammengeschrumpft. Es war Mitte Herbst. Die Temperaturen marschierten beharrlich Richtung Null und die Zeit wurde knapp, sich für den Winter einzurichten. Das Telefon war noch anzumelden, ein ordentlicher Schreibtisch fehlte, ebenso ein Sessel vor seinem Kamin, Reifen waren auf Winter zu wechseln, nicht zuletzt Alkohol, Leinwände, Keilrahmen und Farben zu beschaffen. Zusammengenommen war das die Grundausstattung für seinen ganz großen künstlerischen Wurf. Gewaltige Werke schwebten ihm vor, so bedeutend in formaler Größe und authentischem Ausdruck, wie sie die Welt vorher nur selten, wenn überhaupt gesehen hatte. Lüsterne Kaufwut war das Mindestmaß an Reaktion, was er auszulösen gedachte und vom Kunstkenner erwarten durfte, wenn sie seine Werke beschauten. Die Zeit war reif, ihn durch seine Werke wahrzunehmen, genau jetzt. Niemals würde er bei sich Zweifel zulassen. Er schob die aufwühlenden Gedanken beiseite und warf angenervt den letzten Kieferscheit in die Glut. Er ging zu seinem billigen Polyesterrucksack an der Haustür. Er war bereit für seinen Aufbruch. Regen war ihm egal, doch für die kalten Nächte holte er noch seinen alten Norweger und die verranzte Fleecejacke aus seinem Schlafzimmer, wo seine Kleidung in einem Haufen auf dem Boden lagen. Er stopfte den Pullover mit Gewalt in seinen Rucksack, zerrte am Reißverschluss und schmiss die Jacke daneben. Im Geiste ging er noch einmal die Einzelheiten für seinen Selbsterfahrungstrip durch. Absichtlich hatte er nur wenig Nahrung eingepackt, bestehend aus harter Salami, Tomatenfisch, Keksen und Vitamintabletten. Nicht genug für eine Woche, der Rest würde aus Pilzen, Würmern und Maden bestehen. So stand es in dem Buch, das ihn auf diesen Gedanken gebracht hatte. In diesem ging es unter anderem darum, wie man mit einfachsten Mitteln Gefahren in der Natur meistern und seine innere Stärke finden würde. Das hatte ihn begeistert, wurde schier zur fixen Idee.

Einen Moment lang stieg Übelkeit in ihm auf. Es war nach 22.00 Uhr. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Seine Vorbereitungen hätte er längst beendet haben wollen, um noch genug Schlaf zu bekommen. Seine Hände zitterten und er schwitzte. Innere Bilder schürten seine Furcht vor dem Unbekannten, vor der Nacht und der Einsamkeit im Wald. Er wischte sich den feuchten Film von der Stirn, ging in den Flur und schaute in den Spiegel. Obwohl er wusste, was ihn erwartete, traf es ihn wie immer. Das unrasierte, aufgedunsene Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen, das lichte Haar, welches schlaff über seiner Stirn hinunter hing und das mit der Zeit immer größer gewordene Doppelkinn zeigte einen früh gealterten, energielosen Mann Mitte Vierzig. Die vergangenen Jahre waren es, die ihn einholten, die anhaltende Einsamkeit, an der auch keine Frau je hatte etwas ändern können. Sein Hass, den er schon früh für seine Mitmenschen empfunden hatte, hatte er in den Sex gelegt, wenn er ihn abbekommen hatte. Allesamt waren es immer einsame Herzen, sexuell ausgehungert, die er über Annoncen kennengelernt hatte und die selbst ihn kurz einmal ran ließen. Die einen verschwanden gleich, mit den Anderen wurde danach noch gesoffen. Er war ein Mann mit gewissen Neigungen und er blieb allein. Ein Anflug von Humor ließ ihn beinahe darüber lächeln, doch seine Mundwinkel zuckten nur gequält. Er hasste Lachen schon immer. Es schmerzte in seinen Ohren, hatte für ihn nichts natürliches und er erschrak mehr, als dass er darin Vergnügen spürte. Meist wich er angewidert zurück, wenn ihm wildfremde Menschen ihre Zahnreihen präsentierten und er bis in deren Rachen schauen konnte. Er lauschte seinem Atem und spürte den pochenden Puls an den Schläfen. „Ich schaffe das, ich bekomme das hin“, flüs­terte er mit belegter Stimme seinem Spiegelbild zu und ver­suchte sich Mut zu machen. Mit dem Handrücken rieb er seine Wangen und schloss die Augen. Er horchte in sich und in die Stille hinein, die um ihn herum herrschte. Dann fiel er, ohne Vorwarnung, wie ein ge­fällter Baum zur Seite um. Seine Hand griff ins Leere, als er sich an der Spiegelgarderobe festzuhalten versuchte. Mit weit aufgerissenen Augen lag er am Boden und rieb sich den schmerzenden Ellenbogen, auf den er gefallen war. Nur lang­sam wich die Benommenheit. Sein Puls raste, während es ihm unter Mühen gelang, sich wieder aufzurichten. Kalte Schweißperlen rannen ihm von der Stirn in die Augen, wo sie ein Brennen hinterließen. Er wagte keine schnellen Bewegun­gen, wartete ab. Zu deutlich warnte ihn eine innere Stimme, dass es nicht gut um ihn stand. Sein Gesundheitszustand war nicht der beste, das war ihm bewusst. Auch, dass seine steigende innere Aufregung ihn hatte kollabieren lassen. So meinte er dies zu deuten, auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass eine fachliche Diagnose ursächlich andere Umstände herangezogen hätte. Er beließ es aber bei seiner Einschätzung. Nicht zuletzt, weil er, kaum, dass er sich ein wenig erholt hatte, seine Gedanken trotzig Richtung anstehender Wanderung lenkte.

Frühherbstlich dichter Nebel umfing ihn, als Stefan Deers in den frühen Morgenstunden sein Haus verließ. Er zog sich die mit Fellimitat umrandete Kapuze über den Kopf und stapfte los. Die unbeleuchtete Straße vor ihm führte aus dem Dorf heraus zu einem Feldweg hinauf, der nach einer kleinen Strecke in einen Wald mündete. Das war der Weg, den er nehmen wollte.

Der bewölkte Himmel verstärkte den ungewohnt düsteren Eindruck des Dorfes, als er die Straße hinaufging. Er konnte nur die schemenhaften Umrisse der Häuser wahrnehmen, hinter deren Mauern und dunklen Fenstern geschlafen wurde. Kurz blieb er stehen, drehte sich einmal um sich selbst, nir­gendwo brannte Licht. Ein Hund musste ihn gewittert haben und schlug an. Ein anderer stimmte ein. In Kürze würde das gesamte Dorf von seiner Wanderung wissen, befürchtete er. Zwar konnte ihm das im Grunde egal sein, war es aber aus unerfindlichen Gründen nicht. Vielleicht war es so, dass das seidene Fäden gleichende Gerüst seines Gemütszustandes einfach nichts an Schmach dazu-addierendes mehr vertragen konnte. Da reichte es wahrscheinlich schon, wenn auch nur ein einziger mit fragendem Blick und beigesteuertem Hohn auf seine nächtlichen Marsch durch die Nacht reagieren würde, dass es ihn aus der Fassung bringen konnte. Er versuchte kein Geräusch zu machen, atmete flach. Das jedoch interessierte die Hunde nicht im Geringsten. Diese rebellierten weiter, steigerten ihre Lust am Bellen zu einer Art Wettstreit, wer am lautesten Bellen könne und als erster seinen Herrn wach bekam.Er kam sich wie ein herumschleichender Tagelöhner vor, obwohl eigentlich nichts gegen einen Spaziergang um 3.00 in der früh sprechen sollte, fühlte er sich auf eine dümmliche Art und Weise dabei ertappt, etwas Verbotenes zu tun. Natürlich, dem gesunden Menschenverstand widersprach es, in einer kalten Novembernacht auf Wanderschaft zu gehen und was die Dorfbewohner anbelangte, deren Schlaf er jetzt störte, die hätten Stoff genug, sich über ihn das Maul zu zerreißen, über seinen Geisteszustand zu rätseln. Sie konnten nicht ahnen, das er ganz bewusst so handelte, das er für sich die härteste Form des Einstiegs in seine Wanderung gewählt hatte. Leider aber hatten die Gehirne der Dorfbewohner feinjustierte Empfangsrelais, die schnell getaktet, alle zur Verfügung stehenden Informationen zu seinen Ungunsten verarbeitet hatten. Das Fazit dieser, einzig der Gemeinschaft förderlichen Anstrengung war, man wollte so einen grimmigen Nichtsnutz nicht im Dorf haben. Ausgehend von seinem Nachbarn, den er als das Zentrum der Kollaboration indentifiziert hatte, von dem aus sich die Abneigung gegenüber ihm wie ein Lauffeuer ausbreitete, schauten ihn nun alle genauso grimmig an, wie er sie, wenn sie sich begegneten. Er lief weiter, begleitet vom Bellen der Hunde, erreichte er die großen Ulmen, die vor einem der letzten Häuser am Dorfrand standen. Ein kurz anhaltender Windstoß versetzte die Äste der beiden großen Bäume in Bewegung. Wie zwei schwankende knorrige Riesen winkten sie ihm zum Abschied, vielleicht warnten sie ihn aber auch vor seiner Wanderung fortzusetzen, mahnten ihn zur Umkehr. „Das sind nur große, alte Bäume, die der Wind bewegt, mehr nicht“, beruhigte er sich selbst und schritt trotzig aus. Die letzten Grundstücke waren, wie die meisten Häuser im Dorf, umrahmt von Dutzenden Ster Holz, die in hohen Stapeln aufgereiht in der Dunkelheit, mehr noch als am Tag, wie trutzige, uneinnehmbare Schutzwalle auf ihn wirkten. Als der bellende Hund gegen das Gatter sprang, erschrak er. „Danke du saublöde Döhle, halt dein Maul, sonst passiert was!“, zischte er, und als auch noch ein Licht im Haus hin­ter dem Zaun aufleuchtete, da verfluchte er den Hund, den er nur schemenhaft erkennen konnte, drohte ihm mit gepres­ster leiser Stimme, dass er ihm den Hals umdrehen würde, wenn nicht jetzt, dann irgendwann. Das Fenster wurde geöff­net und ein von hinten angeleuchteter wuscheliger Kopf streckte sich heraus. „Basko!, was ist?!“ hallte es aus dem Fenster. Der Hund bellte weiter, wurde hektischer und wirkte derart beflissen, als ob er es seinem Herrn jetzt und heute Nacht beweisen wollte, was für ein prächtiger Wachhund er doch war. Ist da jemand?“ rief der Mann in die Nacht. Er bekam keine Antwort, der Wanderer hatte den Weg passiert, an den das Grundstück grenzte, nicht im Traum daran denkend, eine Ant­wort darauf zu geben. Dank seiner Ausrüstung fror er nicht. Seine anfängliche Müdigkeit war durch das Intermezzo mit dem Hund nahezu verflogen und mit jedem weiteren Schritt wich diese mehr und mehr, machte seiner Vorfreude Platz, zwei, drei Tage ganz auf sich gestellt unterwegs sein zu dürfen. Dass er seinen Wandertrip als ein so entscheidendes Ereignis be­trachtete, lag nicht nur daran, dass er ganz allein, mehre­re Tage hintereinander, noch niemals in der Natur unterwegs gewesen war. Es war das intensive Erleben der Nacht, der Dunkelheit, des Unbekannten, dem er sich stellen wollte, um daran zu wachsen und sich wieder selbst zu spüren. Das Dorf im Rücken blieb er nach einer Weile stehen, atmete tief, pumpte regelrecht die kühle Luft in seine Lungen, bis ihm schwindelig wurde, und dann aus purer unbeobachteter Freude sich um die eigene Achse drehend, beinahe auf dem Boden landete. Er fühlte sich frei wie lange nicht mehr. Nach kurzer Zeit hatte er den dichten Tannenwald erreicht. Es überraschte ihn – die starke Dunkelheit, die ihn im Moment des Betretens des Waldes umgab. Er hatte geglaubt, darauf vorbereitet zu sein, doch als er kaum die Hand vor seinen Augen sehen konnte, beschlich ihn ein mulmiges Ge­fühl. Es war alles andere als ein sicheres Gehen auf dem matschigen, ziemlich rutschigen Waldweg und bis zur Morgendämmerung waren es noch ein paar Stunden. Er blieb eine Weile stehen, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, er den Verlauf des Weges und die Umrisse der Bäume zumindest erahnen konnte, dann ging er langsam weiter. Ein Rascheln im Unterholz ließ ihn zusammenfahren. Er war ein Stadtmensch und nicht an Naturgeräusche gewöhnt. Si­cherlich war es nur ein Igel oder eine Maus, dachte er bei sich, als er weiter hinein in den dunklen Wald ging. Er würde durchhalten und war sich sicher, das er sich an den Wald und seine Geräusche schon bald gewöhnt haben wird. Dieser Aussicht bewusst, schritt er voran. Seine Sinne waren wach und gespannt. Gerade aus diesem Grund ver­suchte er so leise wie möglich zu sein, da ihm die Ge­räusche seiner Schuhe beim Auftreten in der herrschenden Stille jetzt ungewohnt laut vorkamen. Als ein Stück ent­fernt hinter ihm plötzlich das Knicken eines Astes zu hören war, erschrak er dermaßen, dass er verängstigt herumfuhr, mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starrend, abrupt stehen blieb, um dem Geräusch nachzulauschen. Doch aus der Richtung, aus der er es vernommen zu haben glaubte, war nun weder etwas Ungewöhnliches zu hören, noch etwas zu erkennen. Trotzdem blieb er einige Zeit stehen, um in den Wald hineinzuhorchen. Um sich zu beruhigen, leierte er wiederholte Male in Gedanken den Satz herunter – sprechen traute er sich nicht – dass ihm hier nichts geschehen konnte. Wer sollte schon hier herumlaufen, in einem Wald, in einer nasskalten Novembernacht? Nicht mehr und auch nicht weniger würde hier passieren, als das ein paar Tiere Geräusche erzeugten. Tiere, die er aufschreckte und die die Flucht vor ihm ergriffen. Mit seinem Erscheinen wachte der Wald mürrisch auf. Seine Bewohner würden aus deren Perspektive keine Rücksicht auf einen ängstlichen Menschen wie ihn neh­men, der in ihr Revier einbrach und ihren Tagnachtrhythmus durcheinander brachte. So überlegte er und überdachte seine Situation, schalt sich einen überempfindlichen Dummkopf, der fast nichts über das Leben im Wald wusste, außer den kärglichen Resten des Schulwissens, das er sich bewahrt hatte, das hierfür nur nicht ausreichte. Mehr nicht, Punkt. Die innere Logik seiner Gedanken halfen jedoch rein garnichts, die Furcht blieb. Er würde diese akzeptieren müssen, um an ihr zu wachsen, um als Gewinner seiner selbstgewählten Prüfung herauszukommen. Mit einem mulmigen, unruhigen Gefühl lief er unter Anspannung weiter, bis er irgendwann erschöpft an einer Lichtung seine erste Rast einlegte und dafür einen aufeinander getürmten Stapel alter, halb verfaulter Baumstämme wählte, die sicher schon viele Jahre auf Abtransport warteten und in Vergessenheit geraten waren. Jetzt erst kramte er in seinem Rucksack nach seiner Taschenlampe, wurde dabei regelrecht hektisch. War sie doch der Segen schlechthin! Nun konnte er, wann immer er wollte, seine Umgebung beschauen. Ein regelrechtes Glücksgefühl stieg in ihm auf, als er sie umgehend ausprobierte. Aus irgend einem Grund schaltete er sie spontan wieder aus. Ein beklemmendes Gefühl hatte sich breit gemacht. Das Gefühl, das irgendwer den Lichtstrahl sehen konnte und er dadurch auf sich aufmerksam machte. Dann beruhigte er sich wieder mit den gleichen Formeln wie vorher. Es half. Dann trank er Kaffee und überlegte dabei, welche Richtung er einschlagen sollte, da sich der Weg nun gabelte. Aus seinem Rucksack kramte er eine Umgebungskarte heraus, konnte aber bei dem fahlen Licht kaum etwas erkennen. Mit widerwilliger Anstrengung, knipste er die Taschenlampe erneut an, studierte die Karte, konnte jedoch keinen exakten Anhaltspunkt für seinen momentanen Standort ausmachen. Nachdem er mit zittriger Hand den Lichtstrahl in Richtung der beiden Wege lenkte, entschied er sich erst für den Weg rechter Hand, dann aber instinktiv für den linken, weil er hoffte, das dieser sich nicht in der Tiefe des Waldes verlieren würde.

Nach einer Weile in sich gekehrten Gehens, in der die, mehr oder weniger verstörenden Geräuschen aus dem umliegenden Wald an Bedrohlichkeit abnahmen, dem ansteigendem Gefühl, seine Sache ziemlich gut im Griff zu haben, versuchte er zu deuten, wo er sich befand. Die Karte zwar vage im Kopf, fehlten ihm hierfür allerdings eindeutigere Merkmale, als Bäume, rechts und links, eines sich schlängelnder Wegs. Davon überzeugt, sich nicht verlaufen zu haben, ließ er davon ab und fasste das bisher Erreichte kurz für sich zusammen. Stundenlanges Laufen hatten ihn nicht mürbe werden lassen. Das anfängliche Unwohlsein, verbunden mit dem beklemmenden Gefühl, die Geräusche im Wald galten ihm, wich einer sich ausbreiteten Zuversicht, dass er sich darin getäuscht hatte und die Idee einer solchen Tour eine ausgesprochen gute gewesen war. Sollte er, wie er annahm, tatsächlich eine Strecke von fünf, vielleicht sechs Kilometer zurück gelegt haben, hieße das, er war laut Karte und seiner mutmaßlichen momentanen Position, auf dem Weg zu einer kleinen Ortschaft. Noch ein Stück des Flurwegs entlang, der sich vor Kurzem, auf seiner Karte nicht verzeichnet, plötzlich aufgetan hatte – wodurch er sich aber nicht irritieren ließ, dann sollte er sein erstes Etappenziel in Kürze erreicht haben. Nicht, um sich dort auszuruhen oder seinen Nahrungsvorrat aufzustocken, was in Anbetracht seiner kargen Menge an Vorräten, sicher seinen Reiz gehabt hätte, sondern um sich zu prüfen. Der Moment ein letztes Mal in sich zu gehen. Denn dieser nichtssagende Ort, der, wie es sich bald herausstellte, im Grunde nicht mehr, als eine lose Ansammlung von Häusern darstellte, war der eigentliche Ausgangspunkt seiner einsamen Tour. Dieser Punkt seiner Wanderung, so befand er, war perfekt gewählt. Eine Bundesstraße führte unweit des Dörfchens vorbei, mit der Möglichkeit der raschen Umkehr und Heimreise. Hinter der Ortschaft jedoch, da breitete sich ein großflächiges, zusammenhängendes Waldgebiet aus. Die hierfür grob kalkulierte Wanderzeit im Vorfeld und noch in vollem Besitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte, würde er Gewissheit darüber erhalten, ob er für eine Fortsetzung seiner Tour, tatsächlich im Kern seines Inneren, bereit war. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Sicherheitsanker, schon in früher Planungsphase berücksichtigt. Kurz drängte sich ihm plötzlich noch einmal der Gedanke auf, dass er sich verlaufen haben könnte, rang diesen aber mit Entschiedenheit nieder und vertraute weiterhin seinem Orientierungssinn. Eine Survivaltour hatte als Ursache bestimmte Beweggründe. Unwegbarkeiten gehörten definitiv dazu. Ein Ausflug für Rentner, bei dem alles in absoluter Ausgewogenheit durchgeplant wurde und die selten tiefschürfende Erkenntnisse in sich bargen, sollte es nicht sein. Für alle Fälle und zu seiner Beruhigung hatte er in kalkulierender Vorraussicht an einen Kompass gedacht, mit dessen Hilfe es ihm nicht allzu schwer fallen dürfte, den Nachhauseweg zu finden. Der Morgen nahte und nach einer längeren Ruhepause, die er von seinem Schlafsack umhüllt, schläfrig sinnierend, auf einem Baumstumpf verbrachte, war es soweit, es dämmerte. Endlich. Als er sich vom Baumstumpf erhob, spürte er eine bleierne Müdigkeit in seinen Knochen. Der ungewohnt lange Fußmarsch, die feuchtfrische Luft, zollten ihren Tribut. Welche Signale sein Körper ihm aber auch sendete. Es galt sie zu ignorieren. Ein weiterer Grund, warum er den Start seiner Tour auf die nächtliche Uhrzeit gelegt hatte. Von Anfang an, war es von Bedeutung, Grenzerfahrungen zu sammeln, sich selbst auszuloten. Von einigen Müdigkeitsattacken deshalb einmal abgesehen, die ihn von Mal zu Mal überfielen, während denen er gähnend und nur mit Mühe den Verlockungen widerstand, sich auf beidseitig des Wegs auftauchenden Moosflächen hinzulegen, wurde er zu seiner Verblüffung mit jeder weiteren Stunde wacher. Aber nicht allein das. Ein aufsteigendes Hochgefühl machte sich breit, anfängliche Unsicherheit wich mit jedem weiteren kraftvollen Ausschreiten, einem fast schon vergessenen Gefühl von Stärke. Er fühlte sich großartig und konnte es garnicht erwarten, wie es sich wohl anfühlen mochte, nach überstandener Tour, sitzend vor seinem Kamin, wo frisch gesägte Holzscheide wohlige Wärem verbreiten, bestens gerüstet zu sein, für sein weiteres Leben! Ein Motor heulte laut auf. Er fuhr zusammen. Unweit von ihm raste ein Auto durch die Landschaft. Gleichzeitig erspähte er hinter einer bewachsenen Biegung – noch während das Motorengeräusch verhallte – eine ziemlich heruntergekommene Hausfassade. Mit Genugtuung stellte er fest, das es sich bei der Ansammlung von Häusern nur um das erhoffte Dorf handeln konnte. Ein Glücksgefühl durchfuhr ihn und es machte ihn ausgesprochen stolz, dass er es in der Dunkelheit allein auf sich gestellt, tatsächlich bis hierher geschafft hatte. Dieses Gefühl trug ihn wie auf Schienen durch die Ortschaft, vorbei an morbide heruntergekommen, wirkende Häuser, deren Anstriche aus vergangener Zeit, bröckelten. Dächer hingen gefährlich durch, mühten alte Dachbalken, deren Zeit abgelaufen schien. Es wirkte auf ihn, als wären alle Bewohner schon vor langer Zeit der Einöde entflohen. Froh, dieses düstere Kaff hinter sich zu lassen, überquerte er eine Wiese, deren lange Halme seine Hose bis zur Hüfte durchnässten, was ihm mißfiel. Dann bahnte er sich durch allerlei Gestrüpp einen Weg hinein in den Wald. Wieder vernahm er das Motorengeräusch eines Wagens. Ob es wohl der gleiche wie vorhin war, fragte er sich, mehr verwundert als dass es ihn wirklich interessierte, ob es in dieser einsamen Gegend jemanden gab, der zu dieser frühen Stunde so durch die Gegend raste. Vielleicht nur ein jugendlicher Heißsoprn, der sein erstes Auto bekommen hatte und sich beweisen wollte. Ihm konnte das egal sei, darum maß er dem keine weitere Bedeutung zu, lief weiter. Dann hörte er das Quietschen von Reifen, blickte sich neugierig um, erkannte durch den Wald hindurch jedoch kaum etwas. Nur eben so viel, dass der Fahrer an dem verwitterten Haus, an dem er zuletzt vorbei gelaufen war, anhielt, wendete und wieder davon brauste. Der Fahrer hatte es so eilig, das er nicht einmal die Chance erhielt, die Marke des Autos herauszufinden. Ein roter Kombi, von einem frühmorgendlichen Spinner durch die Gegend gejagt. Das merkte er sich. Man konnte nicht wissen, ob man von diesem Wissen zu irgendeiner Zeit einmal Gebrauch machen musste. Abgelenkt von dem Geschehen, stolperte er über eine Baumwurzel, fing sich aber noch rechtzeitig, bevor er mit dem Gesicht voraus ins nasse Laub gekracht wäre. In den Häusern hinter ihm tat sich nichts, trotz des ganzen Krachs vor den Haustüren. Dies verstärkte seine Vermutung, dass dort niemand mehr wohnte, das Dörfchen schon vor langer Zeit sich selbst überlassen worden war. Was aber machte dann das Auto dort, dessen stürmischer Fahrer es so eilig hatte? Durchaus möglich, dass es ein Einbrecher war, der sich unbeobachtet wähnte, dann von einem Wanderer bemerkt und jetzt Reißaus genommen hatte. Mit den Schultern zuckend, entschied er sich gegen den aufkommenden Gedanken, kehrt zu machen und in eins der verfallenen Häuser zu gucken. Im Grunde hatte ihn das nicht zu interessieren.

Der folgende Tag verlief, zumindest anfänglich, wie erhofft und ohne besondere Vorkommnisse. Seine beharrliche Suche nach essbaren Pilzen war erfolglos geblieben. Unter Verwendung eines Pilzbuchs war er stundenlang, kreuz und quer durch den Wald gelaufen. Er hatte viel Zeit dafür verwendet, die wenigen Pilze, die er entdeckte, in seinem Buch nachzuschlagen, um sie zu bestimmen. Zu seiner Enttäuschng hatte er feststellen müssen, dass einige darunter zwar genießbar, jedoch nicht im rohen Zustand für den Verzehr geeignet waren. Ein weiteres Detail, was die Spärlichkeit der aufzufindenden Pilze erklärte, war die Jahreszeit. Mitte November war einiges an Pilzen bereits vom Waldboden verschwunden. Er würde nicht aufgeben. Es gab noch Stockschwämmchen und mit etwas Glück auch Steinpilze zu entdecken. Es hatte sich über den Tag auf diese Weise zwar einiges an Wissen angesammelt, jedoch nichts seinem Essensvorrat hinzugefügt. Das wurmte ihn, doch nicht so arg, dass er nicht wieder auf Suche gehen würde. Er hatte Zeit im Überfluss. Jeder neue Tag würde ihn in neue Waldgebiete führen, die es zu durchforsten galt. Ohne es zu bemerken, war er längst weit abgekommen von seiner ursprünglichen Route, die einen großen Kreis beschreiben und an deren Ende wieder sein eigenes Dorf liegen sollte, welches der Ausgangspunkt und der Endpunkt der Wanderung war. Durch die sich ähnelten Wege und Waldstrukturen hatte er sich täuschen lassen. Seit geraumer Zeit erwartete er auch eine Lichtung, von der aus es ihn eine Zeitlang über Wiesen und Feldern führen würde. Nach zwei Stunden weiteren Fußmarsches wurde der Wald aber noch immer nicht lichter. Er hatte weder Wanderwege gekreuzt, noch hatte er Menschen getroffen. Irritiert davon, fingerte er seinen Kompass aus dem Rucksack, was aber nichts brachte. Genauso sinnlos, wie mit einen Meterstab ohne Bemaßungseinheiten etwas messen zu wollen, fuhr er mit dem Kompass eine Weile hilflos über die Karte. Dabei merkte er, dass er keine Ahnung hatte, wie man auf diese Weise eine Positionbestimmung möglich sein sollte, er konnte auf seiner Karte nicht einmal Himmelsrichtungen finden. Die Karte in der einen Hand, den Kompass in der anderen, schaute er sich hilflos nach allen Seiten um. Hitze stieg in ihm auf, während es hinter seinem sorgenvolles Gesicht arbeitete. Er faltete die Karte zusammen und steckte sie in seine Jackentasche, atmete ein paar Mal tief durch und ging los. Jeweils eine halbe Stunde würde er in eine Himmelsrichtung laufen, dann wieder zurück zu seinem jetzigen Standpunkt. Das würde er solange wiederholen, bis ihm etwas bekannt vorkam, das ihm Orientierung bieten konnte. Ob dies sinnvoll war, hinterfragte er nicht, weil ihm, außer einem unüberlegten Draufloslaufen, nichts beseres einfiel. Nach einer Stunde des Laufens mit stetem Blick auf den Kompass, dessen Nadel Richtung Süden zeigte, stellte er fest, dass er weder seinen ursprünglichen Standort gefunden hatte, noch einen Ausgang aus dem Wald. Es dämmerte bereits. Trotz der feuchten Kälte fühlte er den Schweiß an seinem Rücken herunterlaufen. Er hielt kurz an, nahm den Rucksack ab und zog seine wasserfeste Kapuzen­jacke aus, um sich der Fleecejacke zu entledigen, die er darunter trug. Nur noch mit einem Pullover bekleidet, ging er weiter, die Jacke unter dem Arm geklemmt, den schweren Rucksack über der Schulter. Er hatte sich übernommen, die fehlenden Kenntnisse von richtigem Kartenlesen, unter Verwendung eines Kompasses, hatten ihn in die Irre laufen lassen. Nun musste er sich einen trockenen Platz für sein Nacht­lager suchen. Ärgerlich über sich selbst, vielleicht doch etwas zu naiv an die Sache herangegangen zu sein, im Irrglau­ben, dass deutsche Wälder immer klein und leicht zu durchwandern seien, machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Der Waldboden war noch feucht vom letzten Regen und es war ihm nicht möglich, eine trockene Stelle zu finden. Bei der weiteren Suche quälte er sich durch mannshohes Dornenge­strüpp und dichtem Farn, bis er ermüdet und schlecht gelaunt, auf einige hohe Föhren zulief. Um die Baumwurzel herum fand er endlich einen einigermaßen trockenen und aus­reichend großen Schlafplatz. Dort ließ er, müde und depri­miert, seinen Rucksack und die Jacken acht­los fallen. Er rieb sich seine vom Rucksack schmerzende Schulter und schaute sich um. Als er kurz darauf da saß und sich seine Umgebung näher be­trachtete, fügte er sich in sein Schicksal. Das ursprüngli­che Gefühl, dass er allein auf sich gestellt etwas Außerge­wöhnliches zu tun gedachte, stellte sich wieder ein. Sich zu verirren, war zwar nicht vorgesehen gewesen, aber im Grunde nicht weiter schlimm, redete er sich Mut zu. Im Gegenteil, selbst wenn er einen Tag länger unterwegs sein sollte, dann würden ihn die neuen Erfahrungen auf seiner kleinen Tour, die er in der Zwischenzeit würde sammeln können, wahrscheinlich sogar noch weit stärker machen für kommende Herausforderungen. Die anfängliche Sorge und den Anflug von Furcht vor der kommenden einsamen Nacht im ungewohntem Terrain, begrub er gleichzeitig mitsamt seinen Exkrementen, die er etwas abseits hinterlassen hatte. Dann rollte er seine Isomatte aus, legte sich auf den Rücken, schaute hinauf zu den Baumkronen, lauschte den Geräuschen des Waldes und beruhigte sich langsam. Die Dämmerung wich zügig der einsetzenden Nacht. Hastig stillte er seinen Hunger und Durst, entledigte sich seiner Schuhe und kroch in seinen Schlafsack. Sogleich merkte er, wie ihn die Müdigkeit und bleierne Schwere übermannten. Eine Zeitlang lauschte er noch den Geräuschen des Waldes, dann gab er sich der Müdigkeit hin. Doch etwas tat sich in seiner Nähe, das ihn gleich wieder zurückholte. Irgendein seltsames Geräusch, das nichts mit jenen Geräuschen gemein hatte, die er bisher gehört hatte. Er stemmte sich mühevoll hoch, schaute angestrengt nach allen Seiten. Aber es war schon zu dunkel. Er nahm seine Taschenlampe, die neben ihm lag, und leuchtete damit seine Umgebung ab. Doch merkte er, dass ihm der Lichtstrahl, wie dieser über die Bäume und Büsche streifte, nicht weniger Angst einjagte, als das Gefühl, das sich etwas in seiner Nähe befand, das sich auf ihn zu bewegte. Mit dem Lichtstrahl der Lampe zeichnete er schnell einen Radius um sich herum ab. Er lauschte dabei intensiv, doch war da nichts und er knipste die Taschenlampe wieder aus. Genau in diesem Moment war es wieder da und vermittelte ihm den Eindruck, als würde etwas über den Boden geschleift werden. Gleich darauf war das Geräusch wieder verschwunden. Er wartete eine Weile ab, es blieb still. Nun lehnte er sich zurück zog seinen Schlafsack bis unters Kinn, ließ sich endgültig fallen und nahm seine letzten Gedanken mit in einen Traum.

Eingewickelt in einen Schlafsack rannte er durch die Nacht, verfolgt von einem Gefühl der Bedrohung, dass ihn quer durch einen ihm unbekannten Wald hetzte. Immer wieder schossen Bäume aus dem Boden, wo vorher keine waren und schnitten ihm urplötzlich den Weg ab. Wie eine Maus in einem sich stetig wandelnden Labyrinth hetzte ihn diese bedrohliche Dunkelheit und schien sich immer mehr zu nähern. Ohne jede Vorwarnung, nahm er urplötzlich wahr, dass sich eine dunkle Wand aus Bäumen bildete, die immer dichter wurde und es war ihm eindeutig klar, dass er zwischen dieser Wand und dem ihn folgenden Schatten eingeklemmt werden würde. Er wollte seine Geschwindigkeit erhöhen, um dieser Gewissheit zu entkommen, aber da prallte er schmerzhaft gegen einen dieser urplötzlich auftauchenden Bäume und fiel rücklings auf den Boden. Er schwitzte unter dem Schlafsack, bekam zugleich panische Angst, als er sich von diesem zu befreien versuchte und nicht konnte. Nach mehreren hektischen Versuchen gab er auf. Wie fest verklebt, pappte dieser auf seiner Haut. Er spürte nun körperlich die Anwesenheit von dem, was ihn verfolgt hatte, es war so tiefschwarz, dass es sich selbst in der Dunkelheit abzeichnete und jetzt auf ihn zugekrochen kam. Kein Laut war zu hören, aus den Tiefen des Waldes kam nur Stille. Es hielt inne – schien ihn zu betrachten und trotz der allgegenwärtigen Finsternis um ihn herum, konnte er ausmachen, dass es wuchs, sich aufblähte, atmete und wieder an Volumen zunahm. Dann legte sich dieses dunkle angstvolle Gefühl über ihn, drückte ihn fest in den Waldboden und sank in ihn hinein, tief in sein heißes, pochendes Herz.

Ein Schrei hallte durch den Wald, als er mit kreidebleichem Gesicht aufwachte und sich aufsetzte. Gehetzt und auf alles gefasst, schaute er sich nach allen Seiten um. Hatte er geschrien? Panisch strampelte er sich auf den Boden liegend, den Schlafsack vom Körper und stand gehetzt auf. Er konnte nicht sagen, wie lange er weggedämmert war, ob es nur ein paar Minuten oder sogar Stunden gewesen waren. Eine Uhr hatte er nicht mitgenommen. Die Zeit sollte schlicht und einfach verrinnen, ohne Gefühl von Gehetztsein, wann Zeit für dieses und für jenes wäre. Nun vermisste er sie. Es war stockdunkle Nacht, das stand jedenfalls fest. Zweige knackten, etwas wurde über den Boden geschleift. Obwohl bleierne Müdigkeit ihn plagte, hatte ihn eine bestimmte Vorahnung nicht tief schlafen lassen, ihn aus einem Alptraum herausgeführt, hinein in eine Wirklichkeit, die nicht minder alptraumhaft wirkte. Er zitterte vor Angst – so heftig, dass er seine Zähne klappern hörte. Er beugte sich vor, als ob er dadurch besser sehen oder hören könnte, schaute fahrig nach allen Seiten, nichts war zu erkennen. Das Geräusch kam näher. Er wusste, dass, wer oder was auch immer da herankam, ihn jeden Moment erreichen müßte. Hastig bückte er sich und tastete nach einem starken Ast, den er vor dem Einschlafen zur Vorsicht neben sich gelegt hatte. Als er das Gewicht des Astes in seiner Hand fühlte, packte er fest zu und erhob sich. Er war bereit, sich zu wehren, bereit, jedem, der sich ihm näherte, den schweren Ast über den Schädel zu ziehen. In lauernder Haltung wartete er ab, lauschte, dann drehte er sich langsam und lautlos um sich selbst. Sein Puls hämmerte in seinen Schläfen. Er glaubte fast den Verstand zu verlieren, als ein Flüstern urplötzlich ganz in seiner Nähe zu hören war. Reflexhaft, schwang er den Ast in die vermeintliche Richtung. Doch statt etwas zu treffen, zerteilte er nur die Luft. Sein Atem ging schnell. Am liebsten hätte er vor Angst gebrüllt, Flüche ausgestoßen, doch versagte ihm die Stimme. Das Flüstern war jetzt wieder da. Er ließ aus purer Panik den Ast fallen und drückte seine Hände fest auf seine Ohren. Die Stimme flüsterte etwas, das er, die Hände auf seine Ohren gepresst, nicht verstand. Der Hysterie nahe, nahm er sie von den Ohren und schlug mit seinen Fäusten wild fuchtelnd um sich, erkannte die Sinnlosigkeit seines Tuns und ließ sie sinken. In der Dunkelheit schwer auszumachen, erkannte er schemenhaft kurze Bewegungen, dann nahm er einen intensiven Schweißgeruch wahr. Sein Körper verspannte sich und er erstarrte, hielt die Luft an und lauschte. Mit einem angstvollen, jammernden Ton, drückte er die Luft aus seinen Lungen heraus. Es wurde Gewißheit: er war nicht allein. Er überlegte, was er tun konnte, fingerte mit zittrigen Fingern nach der Taschenlampe, die er in seiner Tasche wähnte, dann fiel ihm jedoch ein, dass er sie auf den Boden abgelegt hatte. Als er den Umriss eines, scheinbar monströsen Körpers, schemenhaft wahrzunehmen glaubte, wich der Rest von Energie aus seinen Körper. Nicht mehr als ein dumpfes Murmeln war zu vernehmen, das die Gestalt jetzt von sich gab. Heiß durchfuhr ihn die Erkenntnis, dass er die Stimme von irgendwoher kannte. Eine Stimme aus seiner Vergangenheit, einer Vergangenheit, die er geglaubt hatte, abstreifen zu können, wie ein altes paar Schuhe, die man in den Mülleimer schmiss, wenn sie durchgelaufen waren. Diesen Mülleimer aus deprimierenden Erinnerungen hatte er tief weit von sich weggeschoben. Jetzt öffnete sich mit einem Tritt der Deckel, etwas Ungutes kam heraus, etwas, das bis hierher in den Wald mitgekommen war, ausgesprochen nachtragend und böse. Damit ahnte er, er würde aus dieser Geschichte nicht herauskommen, egal, was er auch unternahm. In seiner Verzweiflung schrie oder brabbelete er etwas, es war ja auch egal. Etwas hartes traf ihn am Kopf. Er taumelte und fiel wie ein leerer Sack in sich zusammen. Dann trat für einen Moment Stille ein. Es war so still, dass man meinen konnte, dass sogar die Tiere für einen Moment den Atem angehalten hätten.

Stefan Deers, der langsam wieder zu Bewusstsein kam. spürte, dass an ihm herumgemacht wurde. Er hob stöhnend seinen schmerzenden Kopf in Richtung der Person, die auf ihm sitzend, irgend etas tat, was er nicht sehen konnte. Er spürte seinen trockenen Mund, als er ihn öffnete, um etwas zu sagen. Noch bevor ihm das gelang, wurde ihm etwas zwischen die Lippen geschoben. „Schlucken!“, zischte die Stimme verärgert, als er sich weigerte. Er rang um Atem, als sich ihm eine Hand auf Mund und Nase schloss. Das Gewicht seines Verfolgers drückte ihn zu Boden. Zudem war dieser erstaunlich stark. Am Ende blieb ihm keine andere Wahl, als unter Widerwillen zu schlucken – es war eine Art Saft. Sein Körper entspannte sich und er merkte, dass ihm die Sinne schwanden. Es waren nur zwei barsch ausgestoßene Worte gewesen. Deutlicher aber als jene zuvor. „Tu‘ es“. Die beiden Worte hallten in seinem Kopf nach, während er langsam wegdämmerte. Stakkatoartig stoben jetzt Bilderfetzen vor seinem geistigen Auge vorbei. Bilder aus vergangenen Tagen, an denen es jemanden gegeben haben musste, der so verbittert war, dass er sich die Mühe gemacht hatte, ihn bis hierher zu verfolgen. Ihm war übel, als er wieder zu sich kam. Er öffnete seine Augen. Genauer gesagt, gelang ihm dies nur mit viel Konzentration und auch nur mit einem. Das Andere schien verklebt zu sein. Blinzelnd musste er sich eingestehen, dass er nichts sah. Es war stockdunkel. Seine Liegeposition hatte sich verändert, der Boden unter ihm war steil und die Luft, die er atmete, roch nach Aas oder nach etwas, was er dafür hielt. Ein Stöhnen entfuhr ihm, als er endgültig aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte und einen hämmernden Schmerz an seiner Schädeldecke spürte, der von außen und von Innen auf ihn einzuwirken schien. Etwas hielt ihn gefangen, ein Seil, sein Schlafsack? Er wusste es nicht. Er lag fest umschlungen, verpackt, eingeschnürt, hilflos. Seine Arme fühlten sich steif und taub an. Sein Mund war trocken, er brauchte Wasser. Er versuchte sich zu rühren, er löste sich, kam ins Schlittern, etwas hielt ihn auf. Vielleicht ein Stein, ein Stumpf? Eine kalte Nässe, die seinen Körper hochkroch, ließ ihn frösteln, gleichzeitig rann der Schweiß unter seinen Achseln und seiner gepressten Brust. 

Als er erneut versuchte sich zu bewegen, kam er wieder ins rutschen. Dieses Mal bremste ihn nichts.

Ende

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